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Marina, Jose Antonio, Das Gottesgutachten. Religion für Atheisten, Zweifler und Gläubige, übersetzt aus dem Spanischen, mit einem Vorwort zur 5. Aufl., Darmstadt, 2005.

 

Der Autor ist ein spanischer Philosoph (Madrid), der sich mehrfach auf seinen „Meister“ Edmund Husserl beruft. Wissenschaft und Religion beziehen sich folglich auf ihre eigenen gültigen Erfahrungen, die allerdings bei der Religion im privaten Bereich verbleiben, weil sie nicht intersubjektiv verifiziert werden können und so eben nicht das Stadium der universalen Wahrheiten erreichen (176-177).
Grundsätzlich sucht Marina Religion und Vernunft zu versöhnen, bzw. wie er sagt, in „Übereinstimmung“ zu bringen (101). Das Konzept sieht so aus, dass eine autonome humanistische Ethik das Religiöse auf der einen Seite und die methodisch arbeitende Wissenschaft auf der anderen Seite umschließt und beiden Richtung weist, die dem Überleben der Menschheit und ihrer Suche nach Glück und Gerechtigkeit dient.
„Es ist möglich, eine Ethik zu begründen, die als transkulturelle Moral verstanden wird und die als weiter Rahmen dient, in den man die religiöse und die profane Zitadelle einsetzen kann.“ (S. 189, Punkt 12)
„Die Ethik hat den Auftrag, die Verfassungen zu schreiben, die beide Zitadellen legitimieren. Sie steht daher jenseits des Profanen und des Heiligen.“ (S. 157)
„Der rationale Gebrauch der Intelligenz, der sich in der Suche nach gemeinsamen, intersubjektiven Evidenzen konkretisiert, der mittels Kritik, Debatte und Beweis eine unablässige Überprüfung dessen durchführt, was sie denkt, sichert unser Überleben besser, befreit uns von der Tyrannei der Macht und errichtet die Welt der menschlichen Würde.“ (S. 153. An anderer Stelle spricht er von Glück und Gerechtigkeit, vgl. S. 174.180.182).
Religion und wissenschaftliche Vernunft sind über den sie verbindenden Rahmen der humanistischen Ethik (auch Verweis auf Küngs Weltethos, S. 218, Fußnote 255; S. 221, Fußnote 265) jedoch auch gegeneinander offen: Die Religion gegenüber der profanen Vernunft, indem sie das gute Verhalten, wenn auch widerwillig, zur Eintrittspforte macht und die profane Vernunft, indem sie die Existenz des Göttlichen im Rahmen einer Ontologie (Anleihen bei Parmenides) behauptet (S. 133; 152).
Entscheidend ist nun, dass beide Kreise als kreative Schöpfungen der menschlichen Intelligenz anzusehen sind (S. 153; 173; 179). Die Religion, die erklären, erretten und ordnen will und zwar, um dem Menschen das Überleben zu sichern, hat dazu eine „zweite Welt“ (S. 44) erfunden und damit zugleich ihre eigenen muttermörderischen Abkömmlinge hervorgebracht, nämlich Wissenschaft, politische Befreiungsbewegungen und die Idee der Gerechtigkeit, die sich nun gegen sie wenden (S. 32.34.39). Dabei mussten sich die Religionen im Laufe ihrer Geschichte moralischen Reinigungsprozessen unterziehen (S. 158.161) und brachten Moralverständnisse hervor, die immer unabhängiger von ihnen wurden und sich schließlich zum Kriterium der jeweiligen Religion entwickelten (S. 155f).
Meine persönlichen Anmerkungen in aller Kürze:
1. Marina ist kein kämpferischer Atheist, sondern würdigt die Religionen im Blick auf ihre historische Leistung in der Geschichte der Menschheit: Sie haben teil am Erkennen des Seins und bringen die Menschheit ethisch voran, wenn auch nicht geradlinig. Marina sieht sie jedoch durch den universalen Charakter der Wissenschaft und auch der Ethik in nachrangiger Position, so dass sie sich in den Rahmen der universalen – auch der ethischen - Evidenzen einfügen müssen. Seiner Meinung nach haben die Religionen damit bereits in vielfältiger Weise begonnen.
Die Würdigung und auch die Relativierung der Bedeutung der Religionen macht dieses Konzept m.E. für die Religionen durchaus gefährlich, da Religionen im allgemeinen einen absoluten Wahrheitsanspruch vertreten, den sie im Rahmen dieses Konzeptes allerdings anpassen müssten.
Kritisch anzufragen bleibt, ob die Religionen, von denen sich Marina auf viele unterschiedliche bezieht, z.B. Christentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus, u.a. wirklich so einheitlich gesehen werden können, wie er es versucht.
2. Die Unterscheidung von privater und universaler Evidenz mit dem Hinweis auf das Verifikationsstadium, dem eine Wahrheit zuzurechnen ist, bildet ein entscheidendes Kriterium, durch das Religion, Wissenschaft und Ethik unterschieden und verbunden werden. Dabei fällt allerdings auf, dass die Religion, im Blick auf die Begründung ihrer Inhalte, unentrinnbar dem Bereich der privaten Evidenz zugewiesen wird und dieses Verifikationsstadium nicht verlassen kann. Sie hat sich, so gut wie möglich, den universalen Wahrheiten unterzuordnen.
3. In den universalen Erkenntnissen manifestiert sich nämlich nach Marina eine die Entwicklung (Evolution) antreibende „Art der direktionalen Energie“ (S. 122), die sich beim Menschen als schöpferisches, kreatives Element bemerkbar macht und so die noch unbekannten Möglichkeiten der Materie und des Lebens entfaltet (S. 122.126). Der Fortschrittsoptimismus ist unübersehbar.
4. Es ist zu fragen, ob eine Ontologie des Seins Sinn macht, denn was ist das Sein, wenn selbst Marina sagen muss: „Das Existieren ermöglicht das Erkennen des Realen, ohne sich zu erkennen zu geben, als ob es transparent würde.“ (S. 127) Wer das Sein so paradox thematisiert, macht m.E. deutlich, dass einem solchen Sein kein verständlicher Sinn beigelegt werden kann: Es erscheint leer, dunkel und ohne Inhalt, es ist Schein. Nicht diese Welt ist Anschein, Schein oder Täuschung, vielmehr das, worin sie sich spiegelt.
5. Marina nennt sein Konzept, in welchem das Ethos Religion und Wissenschaft übergeordnet wird eine „mutigere[n] und wahrere[n] Vorstellung von Intelligenz und besonders Rationalität“ (S. 106), die er hauptsächlich als lebenspraktische Rationalität versteht.

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