Mit dem zentralen Begriff des „übenden Lebens“ legt Peter Sloterdijk nichts Geringeres vor als eine umfassende philosophische Anthropologie, die in seinem Buch weltbildhafte Züge erhält. Umfassend ist der Versuch dieser Anthropologie nicht nur, weil sie den Menschen als Menschen zum Thema hat und es ihr damit - in der Sprache der Ontologie - um das Wesen des Mensch geht, sondern indem sie bisherige Anthropologien durch Anknüpfung, Neuinterpretation und Übernahme in die eigene These einbezieht.
Elementar knüpft Sloterdijk an Nietzsches Vitalismus an, so dass der Begriff des sich durchsetzenden Lebens zum Ausgangspunkt für das Verständnis des Menschen wird. Mit dem Begriff des übenden Lebens, den Sloterdijk in Nietzsches Wort von der Erde als dem ´asketischen Stern´ wiederentdeckt, wird die abendländische Spaltung von Materie und Geist überbrückt. Der Mensch ist in seiner Gesamtheit hinsichtlich aller seiner Lebensvorgänge, sowohl der biologischen wie auch der symbolischen das übende Wesen. Er übt und übt und steigert seine Leistungen, um sein Überleben zu sichern, denn das Stagnieren und Aussterben der Menschheit ist das Wahrscheinlichere. Unwahrscheinlicher ist das Überleben – den Berg der Unwahrscheinlichkeiten (Richard Dawkins) gilt es deshalb immer wieder zu besteigen.
Den empirischen Hintergrund dafür bildet das darwinsche Evolutionsverständnis, das uns von der Artistik der Natur berichtet:
„Unter der Optik Darwins verwandelt sich die Natur selbst in einen Zirkus, in dem die Arten durch unablässige Wiederholung der einfachsten Prozeduren, bekannt als Variation, Selektion, Vererbung, sich zu den unglaublichsten Darbietungen emporschrauben…“ (S. 185.)
Mit dieser Voraussetzung greift Sloterdijk – mit Korrekturen - zurück auf Nietzsche, Wittgenstein, Foucault, ja zurück auf die vorsokratische Philosophie eines Heraklit, um das Fundament seiner These auszubauen. (Selbstverständlich setzt er sich auch anknüpfend und abgrenzend mit Heidegger, Jaspers, Sartre u.a. auseinander). Es geht um nichts Geringeres als um den Menschen, der weder von Göttern noch von anderen transzendenten Mächten gelenkt wird, sondern sein eigenes Leben gegen innere (und äußere??) Widerstände formt – vor allem sein inneres Selbst - und sich deshalb die damit gegebene Aufgabe der immer weiter aufsteigenden Gesamtgestaltung seines Lebens unter dem Imperativ „Du mußt dein Leben ändern“ explizit bewusst macht. Wer sich den Komparativ (mehr, besser, größer, weiter…, S. 193f) im Blick auf die Selbst- Neu- und Umgestaltung seines Lebens zu eigen gemacht hat, kehrt zu den übrigen zurück, die sich mit dem Durchschnitt des Lebens zufrieden geben (198) um als Trainer und Lehrer unter ihnen zu wirken. Wohin soll es gehen? Ins Überhumane (S. 187), auf den Berg der Unwahrscheinlichkeiten von heute, die zu Standards von morgen werden. Die evolutionäre Drift bewegt sich in Richtung auf den Mount Improbable (S. 187), den allerdings nur jene besteigen, die sich der notwendigen Askese, d.h. der Verbindung von Verzicht auf das Alte und der Einübung des Neuen verschreiben und sich so in die Reihe der Asketen aller Zeiten einreihen, zu denen auch die religiösen gezählt werden müssen. Aus der Perspektive des übenden Lebens wird in der Frömmigkeit der Religionen im Rückblick (S. 522), nämlich als eine asketische Selbstgestaltung des Menschen erkennbar, der darin allerdings noch in der Illusion einer echten Transzendenz befangen ist. Die Religionen, die, wie die biologischen Immunsysteme des Menschen, zu den nun psychoimmunologischen Schutz- und Abwehrsystemen des Menschen gehören, liefern aus der Sicht des übenden Lebens das methodische Material für die Anthropotechnik unter dem absoluten Imperativ des aufsteigenden Lebens, während alles andere an ihnen und damit auch der Transzendenzgedanke unter das Verdikt fällt: Es „ist Geschwätz, von dem Wittgenstein zu Recht sagte, man solle ihm ein Ende machen.“ (S. 703). Es sind nämlich „eingebildete Glückseligkeiten“ (S. 697), mit denen sich der Mensch den Weg zum tatsächlichen Glück verbaut. Glaube im traditionellen Sinne ist die „Suspension der Empirie“ (S. 524; „Entwirklichung“, S. 703.) Diese radikale Stellungnahme gegen die Religion in jeder Form soweit sie die Überzeugung der Transzendenz aufrecht erhält, hebt noch einmal den weltbildhaften Status der Sloterdijkschen These vom übenden Leben heraus. Ja, nach Sloterdijk steht der Terminus „Religion“ für im Abendland zusammengezogene Entwicklungen, welchen wirkliche Zusammengehörigkeit fehlt. Religion als solche existiert daher gar nicht, vielmehr gibt es kulturelle Bewegungen, die sich religiöser Elemente bedienen.
Soweit in wenigen Sätzen der Versuch eines kurzen Einblickes in die von Sloterdijk vorgelegte Gedankenwelt. Eine kurze Zusammenfassung wesentlicher Gedanken bietet Sloterdijk in der Einleitung und auf den Seiten 306f.
Es kann und muss viel zu diesem Buch gesagt werden. Wichtige Themen deute ich an:
1. Im Blick auf die Auseinandersetzung mit der Religion: Sloterdijk praktiziert den Zugriff der Vernunft auf das Religiöse, in welcher Gestalt es auch auftreten mag. Dass er damit in der Tradition Feuerbachs (ich weiß nicht, ob er ihn erwähnt), Nietzsches u.a. steht, ist eindeutig, doch lässt um so mehr aufhorchen, das hier ein ernst zu nehmender Denker am Anfang des 21. Jh. die schiedlich-friedliche Trennung von Vernunft und Offenbarung nicht akzeptiert, sondern den Zugriff der Vernunft auf die Offenbarung – in der nachkantischen Zeit - für absolut legitim hält, einschließlich der Möglichkeit, göttliche Offenbarung schlichtweg für nichtexistent zu erklären. In seiner Stellungnahme zu Karl Barth schreibt Sloterdijk:
„…die Moderne ist nun einmal nicht dafür bekannt, eine Zeit zu sein, in der sich Gott den Menschen aus der Vertikalen zeigt. Die Erde wurde auch in diesem Jahrhundert von Meteoren getroffen, die von ganz außen und oben herabstürzten, Götter jedoch waren nicht darunter.“ (S. 138.)
Dass die alte Frage nach der Wirklichkeit der Offenbarung und damit der Wirklichkeit des unsichtbaren Gottes – jedenfalls im Rahmen des christlichen Glaubens – vielen Menschen unter den Nägeln brennt, kann man m.E. dem Anwachsen der Pfingstbewegung ablegen, die das Wirken des Heiligen Geistes, also das Wirken Gottes hier und heute mitten unter Menschen, in das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stellt. Der romantisierende Rückzug des Glaubens in die Innerlichkeit, in der die Erfahrung der Offenbarung seit Schleiermacher als Ausweg aus der Krise der Schrift als Autorität des Glaubens verortet wird, scheint weder dem religiös fragenden Menschen auszureichen, noch sieht Sloterdijk selbst in ihr eine tragfähige Lösung:
„Wer das Erlebte in eine innere Burg versetzt, welche die szientistischen Sarazenen von heute und morgen nicht erobern können, darf fürs erste glauben, genug getan zu haben um diese empfindlichen Güter unter philosophischen Schutz zu stellen.“ (S. 31f.)
Die Anthropologie des übenden Lebens in ihrer Ganzheit zeigt nach Sloterdijk jedoch, dass diese innere Burg mit ihren empfindlichen Gütern bereits (oder bereits fast ganz) erobert ist. Biologie, Philosophie, Soziologie und Psychologie (bzw. Religionspsychologie) sind bereits bis in die innersten Räume der Burg vorgedrungen und legen ein Bild der Religionen dar, dass in das Konzept des übenden Lebens integriert werden kann.
2. Ethik. Sloterdijks Programm erscheint als ein ethisches (Du mußt dein Leben ändern), das seinen Inhalt im übenden Leben besitzt. Der ethische Imperativ lautet: Du selbst und dein ganzes Leben steht unter dem Imperativ der Selbstformung und des Trainings. Je engagierter, gezielter und öfter du trainierst, desto weiter kommst du und desto besser wirst du letztlich auch überleben. Der Sport – neben den religiösen Frömmigkeitsübungen – ist das herausragende Beispiel. Die Fragen, die hier aufbrechen, sind Legion:
2.1. Woher kommen die Kriterien für das, was in diesem System gut und schlecht genannt wird, denn eben diese Worte verwendet Sloterdijk (S. 258) in Zusammenhang mit der griechischen Philosophie. Es ist m.E. jedoch sehr zu bezweifeln, dass der Rückgriff auf die griechische Philosophie einen Haltegriff darstellen könnte, der standhält, wenn die Fragen der Moderne an ihm zerren. Gewohnheiten, Leidenschaften und unklare Vorstellungen sollen zu Leitplanken werden, die dem Menschen unter dem ethischen Imperativ helfen, seine Selbstformung durchzuführen. Warum aber lässt Sloterdijk dabei den Humanismus und das christliche Liebesgebot außer acht, zumal das Christentum die Liebe nicht für sich allein gepachtet hat. Menschenwürde und Menschenrechte landen bei Sloterdijk in der Versenkung.
2.2. Wenn das letzte und wichtigste Ziel Überleben heißt, stellt sich die Frage, ob und inwiefern eine gemeinschaftsfähige Ethik dann überhaupt noch möglich ist und ob nicht das Recht des (einzelnen) Stärkeren als ebenso legitim betrachtet werden muss? Bereits in Dostojewskijs: Verbrechen und Strafe, Fischer, 1996, S. 349ff wird nach dem Recht außergewöhnlicher Menschen gefragt – allerdings auf dem Hintergrund einer ins Fatalistische hineingehenden Anthropologie – ob den außergewöhnlichen Menschen nicht das Recht zusteht, das Gesetz zu übertreten und etwa andere Menschen zu töten. Die Frage nach den Kriterien des Rechts im Lichte des allumfassenden Überlebensgebotes deckt eine wesentliche Schwäche der Sloterdijkschen Anthropologie auf: Sloterdijk zielt unmittelbar auf den Einzelnen und verliert – angesichts seiner kategorischen Unterscheidung von Basislager (die Menschen allgemein) und Individuen, die auf den Berg der Unwahrscheinlichkeiten steigen, indem sie ihr Leben selbstformend in die eigene Hand nehmen, das Verständnis der Lebensgemeinschaft als Lebensbasis und ethische Bezugsgröße für das Handeln.
2.3. Indem Sloterdijk die Frömmigkeit der Religionen für das übende Leben reinterpretiert, geraten ihm Gedanken und Sprache für den Standpunkt des übenden Lebens ironischer Weise unter der Hand ins Religiöse. So steht bsw. Kapitel 6 unter dem Thema: „Von der Absonderung der Übenden und ihren Selbstgesprächen“. Die hier beschriebene Absonderung der zum übenden Leben ´Bekehrten´(mein Begriff), steht in Inhalt und Sprache den religiösen Bekehrungsvorstellungen bedenklich nahe: Es ist ein existenzieller Bruch zu vollziehen (auch Weltflucht genannt), es ist eine Art Buße über das vergangene Leben nötig (Verachtung, S. 262), es ist die selbsthypnotischartige Einübung in das neue Leben nötig, ja schließlich kehrt der Wissende als Guru, Lehrer, usw. in das Basislager zurück, um als Leit- und Vorbild unter den Gewöhnlichen zu wirken (S. 424ff). Dies vollzieht sich auf Kosten der „konventionellen Gleichsetzung von Aristokratie und Elite.“ (S. 426), denn die aus dem Basislager Aufgebrochenen müssen nach Sloterdijk als Elite betrachtet werden, so dass sich eine „Menschheit der zwei Geschwindigkeiten“ (S. 303) ergibt. Die Frage, warum alles nur auf zwei Geschwindigkeiten reduziert werden sollte, beantwortet Sloterdijk nicht. Seine unkritische Anknüpfung an das indische Kastensystem (S. 413; 441) erscheint aus einer Perspektive der Menschenwürde und der Menschenrechte unerträglich.
2.4. Das letzte große Kapitel steht unter der Leitlinie: Die Exerzitien der Moderne. Hier versucht Sloterdijk eine Analyse der Moderne auf dem Hintergrund seiner These vom übenden Leben, die m.E. viele wertvolle und hilfreiche Einsichten in Einzelfragen hervorbringt. Sloterdijk plädiert nun für eine globale und kooperative asketische Logik, die die Romantik der Brüderlichkeit ersetzen und ein globales Immunsystem hervorrufen soll, damit die Menschheit vor der Katastrophe eines letzten Crashs bewahrt wird.
„Wenngleich der Kommunismus von vornherein ein Konglomerat aus wenigen richtigen und vielen falschen Ideen war, sein vernünftiger Anteil: die Einsicht, dass gemeinsame Lebensinteressen höchster Stufe sich nur in einem Horizont universaler kooperativer Askesen verwirklichen lassen, muss sich früher oder später von neuem geltend machen. Sie drängt auf eine Makro-Struktur globaler Immunisierungen: Ko-Immunismus.“ (S. 713.)
Dankbar für viele Anregungen, aber auch etwas ratlos, lege ich das Buch zur Seite, in dem sicheren Wissen, es wieder aufzuschlagen. Ratlos vor allem deshalb, weil sich bei mir die Hoffnung auf das Wissen der neuen Erleuchtungselite nicht so ganz einstellen will. Ebenso möchte ich weder in eine vordemokratische Zeit zurück noch eine religiöse Religion gegen jene profane tauschen, die in mir die Hoffnung auf ein profanes Paradies zu wecken versucht. Vielleicht hat Peter Sloterdijk sich zu viel vorgenommen.
Dr. Alfred Klassen
Rebgasse 2
79639 Grenzach-Wyhlen
August 2009
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